Erbbegräbnisstätten weiterhin nicht gesichert – Start einer Mahnwache

27.07.2021 – Start der Mahnwachen vor dem Friedhof IX in Französisch Buchholz

Da bisher immer noch nicht die erforderlichen Schritte zur Sicherung und Wiederherstellung der im November 2020 infolge von Baumaßnahmen zerstörten Erbbegräbnisstätten durch das Bezirksamt für Stadtentwicklung Pankow veranlasst wurden (s. Beschluss der Pankower BVV vom 09.12.2020), hat der Bürgerverein zu einer wöchentlichen Mahnwache (dienstags 17-19 Uhr) vor dem Friedhof IX aufgerufen. Mehr als 20 Personen waren dem Aufruf gefolgt. In seiner Begrüßungsrede nannte der Vorsitzende des Bürgervereins, Jens Tangenberg, noch einmal unsere 3 Forderungen:

  1. Sicherung der noch vorhandenen Reste der zerstörten Gräber
  2. Schutz der noch bestehenden Grabmale vor weiteren baulichen Schäden, wie Eindringen von Wasser in die Fundamente und Reparatur der Blechabdeckungen
  3. Vorlegen einer Konzeption mit finanzieller Absicherung zur Wiedererrichtung der Erbbegräbnisse lt. BVV-Beschluss

Es ist vorgesehen, die Mahnwachen bis zum Wahlsonntag, den 26. September 2021, fortzusetzen.

 

Wolfgang Lindner

Französisch Buchholz – zuckersüß — zum 200. Todestag von Franz Carl Archard

 Franz Carl Achard (Francois Charles Achard) *18. April 1753 in Berlin; †20. April 1821 in Cunern, Schlesien (heute Konary, Polen)

Dem Berliner Gelehrten Andreas Sigismund Marggaf, Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften von Preußen,  gelang 1747 die Entdeckung des Zuckers in der Rübe. Er wies nach, dass der Zucker aus der Rübe die gleiche chemische Beschaffenheit hat wie der des Zuckerrohrs. Erst seinem Assistenten und Schüler Franz Carl Achard gelang es, ein praktikables Verfahren zur Gewinnung von Zucker aus Rüben zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen.

Achard,  Physiker, Chemiker und in der Nachfolge von Marggraf auch Direktor der Physikalischen Klasse der Akademie der Preußischen Wissenschaften, gelangte 1791/92 in den Besitz von Kossätengütern in Französisch Buchholz, wo er seine Arbeiten zur Vervollkommnung der Gewinnung von Zucker aus Rüben fortführen konnte. Da Achard die Grundstücke erst nach 1790 erworben hat, ist er in der Karte von 1790 noch nicht als Eigentümer eingezeichnet. Auf Grund namentlich genannter Nachbarn hat Achard wahrscheinlich die rot eingeränderten Grundstücke erworben. Am südwestlichen Dorfrand den Hof von Daniel Thiriot gegenüber Lusche (Das ist heute Hauptstraße 72–75. Bis 1917 befand sich hier eine Gärtnerei und  jetzt  Autohandel)  und am nordöstlichen Dorfrand den Hof von Christian Wegner.

Der Besitz dieser „ländlichen Ökonomie auf dem Dorfe Buchholz“ so Achard, ermöglichte, die Arbeiten zur Methode der industriellen Herstellung von Zucker aus Runkelrüben abzuschließen. Am 11. Januar 1799 sendet Achard eine Zuckerprobe, die er aus Rübenrohzucker raffinieren ließ, sowie eine Druckschrift und Gutachten an König Friedrich Wilhelm III. und unterbreitete seinen Plan, Rübenzucker im Großen zu erzeugen. Die Künstlerin Clara Elisabeth Fischer hat diesen Vorgang malerisch 1903 in eine Audienz umgemünzt, in der König Friedrich Wilhelm III. Franz Carl Achard empfängt, der ihm den ersten Zuckerhut aus Rübenzucker überreicht – ein fiktives Ereignis, das nie stattfand.

Der Plan Achards wurde durch eine anonyme Schrift „Der neuste deutsche Stellvertreter des indischen Zuckers“ bekannt und erregte große Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit und im Ausland. Der König gewährte ihm ein Darlehen von 50.000 Talern für den Aufbau seiner Fabrik in Cunen.

Um Verleumdungen und Verdächtigungen auf Geheimniskrämerei zu seinen Arbeiten und Erkenntnissen die Spitze zu nehmen, veröffentlichte er 1800 die „Kurze Geschichte Der Beweise (Fur die) Zuckerproduktion Aus Runkelrüben“. 1801 verkauft er seine Kossätengüter und beginnt mit dem Anbau von zuckerreichen Runkelrüben und den Aufbau der Produktion von Rübenzucker in Cunen.

Die Erkenntnisse Achards berührten ökonomische, politische und ethische Aspekte und sie entwickelten praktische Wirkungen. Sie platzten in eine Zeit, in der es große Anstrengungen gab, sich von den teuren Rohrzuckerimporten unabhängig zu machen und die britische Monopolstellung auf diesem Gebiet zu durchbrechen. Befeuert wurden diese Bestrebungen vom Sklavenaufstand auf der Antilleninsel San Domingo (heute Haiti).

Auf San Domingo wurden über 450.000 Sklaven von europäischen Pflanzern grausam ausgebeutet. Am 23. August 1791 brach auf der Insel ein Sklavenaufstand aus, der die ganze Welt in Atem hielt. Die Zuckergewinnung kam vollkommen zum Erliegen. Bei allen fortschrittlichen Kräften wuchs die Abneigung gegen die Verletzung der Menschenrechte und gegen den sogenannten Blutzucker. England nutzte die Gelegenheit, steigerte die Zuckerproduktion in den Kolonien und erreichte bald eine Monopolstellung.

Die niederländische Karikatur bringt die Situation auf den Punkt. Während John Bull seinen Kaffee mit reichlich Zucker genießt und sich die Zuckerhüte bei ihm stapeln, presst Napoleon aus der Rübe Saft in die Kaffeeschale.

Am 21. November 1806 verhängte Napoleon I. nach dem Sieg über Preußen von Berlin aus als Gegenmaßnahme durch ein Dekret die Kontinentalsperre gegen England, um die Einfuhr englischer Waren, darunter auch Rohrzucker, zu unterbinden. Zucker wurde dadurch noch knapper und die Entwicklung nach einem Ersatz noch wichtiger. Französische Versuche hatten keinen Erfolg und so kam der Preußenzucker ins Spiel. Zwei Bücher von Achard wurden ins Französische übersetzt. Mit zwei Dekreten vom März 1811 und Mai 1812 über Rübenzuckerfabrikation befahl Napoleon, auf 32.000 Hektar Rüben anzubauen und erteilte 500 Lizenzen für Rübenzuckerfabriken. Die Rübenzuckerfabrikation erhielt einen gewaltigen Aufschwung. Bereits 1890 lieferte sie drei Fünftel des Weltverbrauchs.

Heute, im Erntejahr 2018/19, wurden weltweit 176 Mio t Zucker produziert, davon 139 Mio t aus Zuckerrohr (78,9%) und 37 Mio t aus Rüben (21,1 %). Deutschland produzierte 2018/19 4,2 Mio t Zucker aus Rüben, was einem Selbstversorgungsgrad von 137 % entspricht. Der Zuckerkonsum pro Kopf lag in Deutschland bei 34,6 kg.

Im Herbst 1795 legte Achard auf seinem Gut in Französisch Buchholz einen „vortrefflichen Garten“ mit 3.500 Gewächsen an, die er auch zum Tausch gegen andere Gewächse anbot. 1796 gab er dazu ein entsprechendes Verzeichnis heraus. Leider sind dazu keine weiteren Informationen zum genauen Ort überliefert.

Achards wissenschaftliche Interessen waren weit gespannt und betrafen fast alle Bereiche und Probleme der damaligen Naturwissenschaften. Aber bestimmend für sein wissenschaftliches Leben bis zu seinem Tode und seinen Nachruhm wurde seine immer intensiver werdende Beschäftigung mit dem Anbau von Rüben und der Rübenzuckerproduktion. Achard verschuldete sich auch persönlich für viele seiner wissenschaftlichen Projekte, und zwar so hoch, dass sein Leben von großen finanziellen Problemen verdüstert wurde.

Achard entstammte einer Familie gesellschaftlich hoch angesehener Hugenotten und sein wissenschaftliches Leben ist auch ein Zeugnis für den großen Beitrag, den die Religionsflüchtlinge für ihre neue Heimat leisteten.

Eine Würdigung der Leistungen Achards in Französisch Buchholz gibt es bisher nicht. Das sollten wir ändern.

Detlev Enneper

 geschrieben zum 200. Todestag von Franz Carl Achard

 

Quellen:

Hans-Heinrich Müller, Franz Carl Achard / 1753–1821 / Biographie; Verlag Dr. Albert Bartens KG, Berlin 2002

Guntwin Bruhns, Zuckerfabrikation zur Zeit Achards; Verlag Dr. Albert Bartens KG, Berlin 2001

Werner Gahrig, Unterwegs zu den Hugenotten in Berlin; Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH, Berlin 2000

Holzapfel/Schmiedel, Rund um den Zucker; VEB Fachbuchverlag Leipzig 1984

Rede von Prof. Dr. Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin, zum Zuckerfest in Berlin-Kaulsdorf anlässlich. des 250.Geburtstages von Franz Carl Achard am 26. April 2003

Wikipedia, Internet allgemein u. a.

Franz Carl Achard, Kupferstich von G. G. Endner 1800; Staatsbibliothek Berlin
Plan vom Dorf Französisch Buchholz 1790 (Kennzeichnungen vom Autor); Geheimes Preußisches Staatsarchiv Berlin
Friedrich Wilhelm III. empfängt Achard; Zuckermuseum Berlin

 

Die zwei neuen Zuckerfabrikanten, niederländische Karikatur (um 1812); Guntwin Bruhns, Berlin
Titel vom Verzeichnis der Pflanzensammlung Achards; Guntwin Bruhns, Berlin

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